Luft unter den Flügeln
- Windgedanken

- 14. Apr. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Mai 2024

Menschen sagen dir, dass du deinen Träumen folgen sollst. Gehe den Weg, den dein Herz dir zeigt. Woher soll ich wissen, ob er mich ans Ziel bringt? Das kannst du nicht. Gehe los und dein Weg wird sich zeigen. Es geht nicht um das Ziel, zu dem er dich führen wird. Es geht darum, dass du diesen Weg gehst.
Ich glaube, es ist ein Irrglaube, dass dein Inneres dir sagen kann, was richtig für dich ist. Deine Gefühle geben dir Rückmeldung, aber sie initiieren nichts. Das musst du selbst tun. Dein Bauchgefühl gibt dir Hinweise, aber nennt keine Inhalte. Du fühlst, dass etwas nicht stimmt, aber weißt du, was es ist, das du stattdessen möchtest? Du kannst nur ausprobieren und den Reaktionen deines Inneren lauschen, bis sie sich richtig anfühlen.
In mir empfinde ich so viele selbst gesetzte Schranken und Barrieren, dass ich das Gefühl habe, einem Weg folgen zu müssen, der mit einem Zaun links und rechts versehen ist. Als würde ich mich entscheiden, bevor ich erkenne, dass ich mich nur aufgrund dieser Schranken wieder dafür entschieden habe, auf dem Weg zu bleiben. Ich empfinde so eine starke Aufbruchstimmung. Sie zieht mich fort, in die Natur, fort von den Menschen, die mir die Luft zum Atmen nehmen, fort von den Einschränkungen meiner Vergangenheit und hin zu der klareren Luft, die mir die Last von der Brust nimmt. Ich will rennen, bis unter meinen Flügeln genug Luft ist, um abheben zu können. Ich will rennen, rennen, rennen.
Dieser Drang nach Freiheit ruht nur in den Augenblicken, in denen ich weit oben stehe, den Wind spüre, die Luft, die in meine Lungen strömt. Dort draußen ist die Welt, die ich erleben möchte. Ich will mich nicht gefangen fühlen zwischen Asphalt und Gedanken, zwischen den Überzeugungen, niemals gut genug zu sein und dem Versuch, es dennoch zu schaffen. Einem Versuch, dem ich selbst keinen Glauben schenke. Ich will nicht um das kämpfen, das ich längst verdient habe. Ich will leben. Jeden Tag will ich spüren, dass ich aktiv das lebe, was sich in mir Ausdruck verschaffen will. Ich will fühlen, was alles in mir gefühlt werden möchte. Lebendigkeit empfinde ich dann am stärksten, wenn sich in mir Natur, der Blick von oben, tiefe Dankbarkeit und Erkennen dieser Dankbarkeit zu einem Moment der völligen Präsenz vereinen. Ich empfinde Sinn. Ich weiß, dass es gut ist, dass ich hier bin. Ich erkenne, warum ich hier bin. Ich erkenne den Weg, den ich gehe. Es erscheint mir leicht, ihm zu folgen, weil meine Füße längst wissen, wie richtig er sich anfühlt. Ich renne, bevor mich die Schranken wieder einholen. Ich renne mit ausgebreiteten Armen.
Und wenn ich die Luft nicht spüren kann, wenn mich Wände, Asphalt und Zweifel zurück in den Käfig drängen, dann kämpfe ich mich frei durch die Worte, die ich schreibe. Durch den Vogel, der sich in meinem Kopf von den Felsen abstößt, sich mit kräftigen Flügelschlägen höherschraubt, bis die Luftströme ihn erfassen und er in weiten Kreisen zwischen Himmel und Erde schwebt. Dort oben spüre ich jede Feder meines Körpers, durch die der Wind streift. Ich sehe die Steine den Abhang hinunter rollen, die zuvor meine Füße zusammengeschnürt haben. Ich fühle die Freiheit, von der ich selbst ein Teil bin. Sie fließt durch mich hindurch. Der Frieden der Berge durchströmt mich. Weitere Flügelschläge, höher hinauf. Die Kälte macht mir nichts aus. Sie ist Teil der Lebendigkeit, die jede Faser meines Körpers mit Energie erfüllt. Ich bin völlig da, völlig in diesem Moment, der mich fliegen lässt.
Woher ich weiß, was richtig ist? Gar nicht. Ich jage Momente, die sich nach fliegen anfühlen und sammle sie, ganz gleich, wie kurz sie sein mögen.



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