Selbstwert.
- Windgedanken

- 6. Apr. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Mai 2024

Erfordert ein niedriger Selbstwert eine gute Menschenkenntnis?
Ich habe mich das gefragt, als ich vor einigen Tagen unter der Dusche stand und getroffen war von der Nachricht einer Person. Ich hatte befürchtet, dass sie den Inhalt haben würde, den sie letztendlich auch hatte, aber gehofft hatte ich etwas anderes.
Diese Frage musst du dir selbst beantworten. Wir haben das alles nur wegen dir gemacht. Mir bedeutet es nichts.
Ich fühlte mich bestätigt. Natürlich hatte er das geschrieben, was auch sonst. Ich wusste, dass es so kommen würde. Aber dann kamen mir Zweifel. Wusste ich das? Lag es wirklich an meiner Menschenkenntnis, dass ich die Nachricht "vorhersagte"? Oder lag es nicht vielleicht daran, dass ich nur vom Schlimmsten ausgegangen war und es in diesem Fall leider eingetreten ist?
Ich glaube, dass sich ein niedriger Selbstwert durch erstaunliche Schutzstrategien bemerkbar macht. Natürlich, denn du bist als Person vulnerabel in dem Moment, in dem dir die schützende Hülle eines stabilen Selbstwerts fehlt. Der Selbstwert ist der Teil von dir, der dir sagt, dass du Okay bist, auch wenn andere dich vielleicht kritisieren oder sich dir gegenüber blöd verhalten oder du einen Fehler gemacht hast. Dieser Teil von dir sagt "Hey, das ist in Ordnung. Du bist trotzdem noch gut, wie du bist".
Wenn dir diese tröstende Stimme fehlt, dann brauchst du etwas, um zu kompensieren, wie angreifbar du dich fühlst. Vielleicht hast du eine sehr kurze Zündschnur und schützt dich durch übermäßige Wut und Aggression, vielleicht gibst du nichts von dir Preis, damit Menschen zu wenig über dich wissen, um dich kritisieren zu können, oder du treibst dich zu Perfektion an, um bloß keine Angriffsfläche zu bieten. Trotz allem fühlst du dich angreifbar, das wackelige Gerüst kann jederzeit in sich zusammenstürzen. Also versuchst du vielleicht nicht nur bei dir selbst anzusetzen, sondern dich auch auf die Menschen in deinem Umfeld zu konzentrieren. Du wirst sehr sensibel für ihr Verhalten. Du versuchst, einzuschätzen, was sie als Nächstes tun könnten. Denn wenn du genau weißt, was jemand tun wird oder vielleicht auch nur tun könnte, dann kannst du dich auch davor schützen, dass es dich trifft. Oder? Und es wäre ja noch viel besser, wenn du dabei sämtliche Möglichkeiten einbeziehst, die es irgendwie gibt und dich anschließend auf das schlimmste Szenario vorbereitest, denn dann kann es im Grunde gar nicht so schlimm werden. Denn vorbereitet warst du auf viel mehr.
Es gibt dir ein Gefühl der Sicherheit. Du glaubst, potenzielle Gefahren im frühestmöglichen Stadium zu erkennen und dich wappnen zu können. Wie solltest du auch damit umgehen können, wenn jemand mit seiner Kritik plötzlich recht hat? Wie kannst du weiter machen, wenn diese Person, die dir so wichtig ist, dich ablehnt? Denn ein niedriger Selbstwert fühlt sich nicht nur mies an, er nimmt dir auch die Fähigkeit, zwischen dir und deinem Verhalten zu unterscheiden. Jede Kritik von außen, jeder Fehltritt und vielleicht auch nur ein schiefer Blick oder eine unbeantwortete Nachricht können zu Angriffen auf deine Person werden. Du bekommst das Gefühl, dass etwas mit dir nicht stimmt, dass du abgelehnt wirst. Wenn jemand wütend auf dich ist, stürzt dich das in eine Krise, denn du glaubst, er ist wütend auf dich, auf deine Person. Wie viel größer fühlt sich dann diese Wut an, wenn du nicht in der Lage bist, sie von dir wegzuhalten, indem du dir klarmachst, dass sie auf dein Verhalten gerichtet ist. Nicht auf deine Person. Jemand kann wütend sein, weil du das letzte Sandwich gegessen hast und dich dabei trotzdem noch gernhaben. Wenn diese Trennung verschwimmt, dann erscheint jeder Streit in der Beziehung wie ein realistischer Trennungsgrund, jede Diskussion mit einer Freundin wie das Ende einer Ära und jede Kritik vom Chef wie der Schritt kurz vor der Kündigung. Das ist unglaublich anstrengend.
Die Gefahr dabei erscheint von außen vielleicht offensichtlich. In deinem Kopf entstehen Szenarien, von denen du nicht einschätzen kannst, wie realistisch sie sind. Gefahren erscheinen dir plausibel, die weit entfernt von der Realität sind. Du agierst aus Angst heraus, nicht aus Vertrauen. Dadurch magst du dich gewappnet fühlen für all das, was da kommen mag, du magst dich ein bisschen sicherer fühlen und dich an dem Strohhalm der Kontrolle klammern, die du dadurch glaubst zu haben. Letztendlich sperrst du dich ein. Du sperrst dich ein in düstere Gedanken und Misstrauen und Furcht, die so greifbar wird, als würden überall Rüpel auf dich lauern. Du verschanzt dich hinter einer Mauer, die sich gerechtfertigt anfühlt, aber letztendlich ablenkt von all den Dingen, die dich tatsächlich angreifen.
Es sind nicht die Menschen um dich herum, ihre Worte oder ihre Taten, die dich angreifen. Es ist dein Gefühl der Bestätigung. Du fürchtest nicht die Kritik von außen, weil du glaubst, dass sie stimmen könnte. Du fürchtest die Kritik, weil du überzeugt bist, dass sie stimmt und es jetzt jemand erkannt hat. Du fürchtest, durchschaut zu werden mit all deinen Fehlern, Schwächen und Makeln, von denen du überzeugt bist, sie verbergen zu müssen. Wie könntest du liebenswert sein, wenn das jemand entdeckt? Warum sollte irgendjemand bei dir bleiben wollen, wenn er erst einmal herausgefunden hat, dass du nicht perfekt bist?
Ich möchte dir eine Wahrheit sagen, die ich selbst zu oft nicht glaube: Du bist gut und richtig, so wie du bist. Es ist völlig okay, nicht perfekt zu sein. Du bist dennoch liebenswert. Du bist genug, auch wenn du Fehler machst. Du bist genug, auch wenn du dich schwach fühlst. Du darfst mutig sein. Du darfst Vertrauen haben. Und auch wenn du die Kontrolle verlierst und etwas richtig verbockst und nicht weißt, was du tust: Du bist immer noch genug. Du darfst du selbst sein. Jederzeit.



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